Stundensatz berechnen: der komplette Guide
Die meisten Freelancer in der Schweiz verlangen zu wenig, und zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ihre Rechnung falsch beginnt. Hier ist die vollständige Kalkulation, Schritt für Schritt, mit allen Posten, die gerne vergessen gehen.
Warum «Lohn geteilt durch Stunden» nicht funktioniert
Der Klassiker: Du hattest als Angestellte 8'000 Franken Bruttolohn, ein Monat hat rund 173 Arbeitsstunden, also verlangst du 46 Franken pro Stunde. Diese Rechnung ruiniert dich, denn sie unterschlägt drei Dinge:
- Du verkaufst nicht jede Stunde. Akquise, Administration, Buchhaltung, Weiterbildung und Leerlauf bezahlt dir niemand.
- Dein Arbeitgeber hat mehr bezahlt als deinen Brutto. Sozialbeiträge, Pensionskasse, Versicherungen, Ferien, Feiertage, Krankheitstage, Infrastruktur: alles steckt jetzt in deinem Satz.
- Ein Unternehmen braucht Gewinn. Ohne Marge gibt es keine Reserve für schlechte Monate, keine Investitionen und keine Altersvorsorge über das Minimum hinaus.
Schritt 1: Verrechenbare Stunden realistisch schätzen
Das Jahr hat 52 Wochen. Davon gehen ab: deine Ferien (bei Selbständigen realistisch 5 bis 6 Wochen, inklusive Feiertagsbrücken) und ein Ausfall-Puffer für Krankheit, Flauten und unbezahlte Arbeit. Die Formel:
Verrechenbare Stunden = (52 - Ferienwochen) × verrechenbare Stunden pro Woche × (1 - Ausfall in %)
Wichtig ist das Wort verrechenbar: Wer 40 Stunden arbeitet, verrechnet davon meist nur 25 bis 30, bei Teilzeit entsprechend weniger. Ein realistisches Beispiel mit 22 verrechenbaren Wochenstunden (das entspricht etwa einem 80-Prozent-Pensum), 6 Wochen Ferien und 5 Prozent Ausfall ergibt rund 960 Stunden pro Jahr. Nicht 1'800. Diese Zahl ist der Nenner deiner ganzen Kalkulation, und sie ist fast immer kleiner, als man denkt.
Schritt 2: Vom Wunsch-Netto zum nötigen Umsatz
Starte beim Betrag, der am Ende privat bei dir ankommen soll, zum Beispiel 7'000 Franken pro Monat. Auf dem Weg dorthin bedienen sich vier Posten:
- AHV/IV/EO (Pflicht): Als Selbständige zahlst du die Beiträge selbst, rund 10 Prozent; bei tieferen Einkommen gilt eine sinkende Skala. Verbindlich ist die Auskunft deiner Ausgleichskasse.
- Vorsorge (freiwillig): Pensionskasse und Säule 3a sind für Selbständige freiwillig, aber wichtig. 5 bis 15 Prozent sind ein üblicher Rahmen; dazu kommen sinnvollerweise Kranken- und Unfalltaggeld.
- Steuer-Puffer: Einkommens- und Vermögenssteuern kommen später als Rechnung. Wer nicht laufend 15 bis 25 Prozent zur Seite legt, erlebt im Folgejahr eine unangenehme Überraschung.
- Gewinn und Reserve: 10 bis 20 Prozent Marge sind kein Luxus, sondern dein Polster für Auftragslöcher, neue Hardware und den Tag, an dem ein Kunde nicht zahlt.
Nötiger Umsatz = Wunsch-Netto pro Jahr ÷ ((1 - AHV - Vorsorge) × (1 - Steuersatz) × (1 - Marge))
Schritt 3: Kosten draufrechnen
Dein Business kostet Geld, bevor du einen Franken verdienst: Arbeitsplatz oder Co-Working, Software-Abos, Laptop-Abschreibung, Versicherungen, Telefon, Buchhaltung, Website. Für viele Wissensarbeiter liegen diese Fixkosten zwischen 400 und 900 Franken pro Monat. Dazu kommen variable Kosten pro verrechenbarer Stunde (Fahrten, Cloud-Ressourcen, Spesenanteile), oft 3 bis 8 Franken.
Schritt 4: Mehrwertsteuer nicht vergessen
Ab 100'000 Franken Jahresumsatz bist du MwSt-pflichtig. Der Normalsatz beträgt aktuell 8.1 Prozent. Offeriere immer netto zuzüglich MwSt und weise sie separat aus; wer «inklusive» offeriert, schenkt dem Kunden faktisch 8.1 Prozent Rabatt.
Die Beispielrechnung am Stück
Nehmen wir Sara, UX-Designerin in Zürich, 22 verrechenbare Wochenstunden, Wunsch-Netto 7'000 Franken pro Monat:
| Posten | Wert |
|---|---|
| Verrechenbare Stunden (46 Wo. × 22 h × 0.95) | ≈ 961 h/Jahr |
| Wunsch-Netto pro Jahr | CHF 84'000 |
| Hochgerechnet um AHV (10 %), Vorsorge (5 %), Steuern (18 %), Marge (15 %) | CHF 141'784 |
| Plus Fixkosten (650 × 12) | CHF 149'584 |
| Geteilt durch 961 h, plus 5 CHF variable Kosten | CHF 161 / h |
| Brutto inkl. 8.1 % MwSt | CHF 173.60 / h |
| Tagessatz (8 h) | CHF 1'285 |
46 Franken aus der Angestellten-Milchbüchleinrechnung gegen 161 Franken aus der ehrlichen Kalkulation: Das ist der Unterschied zwischen einem Hobby und einem Geschäft.
Spickzettel: Wunsch-Netto und nötiger Satz
Mit denselben Annahmen wie oben (961 verrechenbare Stunden pro Jahr) ergibt sich als Faustregel:
| Wunsch-Netto / Monat | Nötiger Stundensatz (netto) | Tagessatz (8 h) |
|---|---|---|
| CHF 5'000 | CHF 118 | CHF 948 |
| CHF 6'000 | CHF 140 | CHF 1'116 |
| CHF 7'000 | CHF 161 | CHF 1'285 |
| CHF 8'000 | CHF 182 | CHF 1'453 |
| CHF 10'000 | CHF 224 | CHF 1'790 |
Wer mehr Stunden verrechnet, braucht einen tieferen Satz; mehr Ferien oder mehr Ausfall treiben ihn nach oben. Genau dafür gibt es den Rechner: Stell deine eigenen Werte ein und schau zu, was mit dem Satz passiert.
Rechne deinen eigenen Satz aus Der Rechner setzt diese Formel live um: alle Regler, dein Ergebnis, in SekundenAlle Werte sind Richtwerte (Stand 2026) und ersetzen keine Steuer- oder Rechtsberatung. Verbindliche Auskünfte zu AHV-Beiträgen gibt deine Ausgleichskasse, zur MwSt die ESTV.